Barbara Hammer, I Was/ I Am, 1973, 16-mm film transferred to Digibeta, 6 1/2 min
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Barbara Hammer, I Was/ I Am, 1973, 16-mm film transferred to Digibeta, 6 1/2 min
Barbara Hammer
Abweichung
Curated by Jonathan Pouthier
Nov 6–27, 2011

 

Video- und Filmpositionen über das Abweichen, Abweichler und unsere Vorstellung von Außenseitern


Mit Joelle de la Casiniere, Barbara Hammer, Buster Keaton & Edward F. Cline, Len Lye, Jack Smith und Citizens For Decent Literature (Prelinger Archives)

Eröffnung: 5. November 2011, 18 Uhr

Man muss kein Parteisoldat in Zeiten der Finanzkrise sein, um zu wissen, dass Abweichlern bittere Strafen drohen. Beschimpfungen durch den Kanzleramtsminister zählen zu den milderen Sanktionen. Manchmal droht auch die Ausbürgerung, soziale Stigmatisierung, Ächtung der Familie oder nackte Gewalt der Mehrheit gegen die Minderheit. Doch was macht den Abweichler zum angreifbaren Sonderling? Wie erkennen wir Abweichungen? Wer legt fest, was unpassend, übertrieben fremdartig, ungehörig anders ist? Bestimmen höhere Instanzen, welche Abweichung wir uns leisten können und welche lieber nicht? Oder entscheiden wir selbst, wer zum Außenseiter wird und wann wir Außenseiter sind?

In unserer Reihe mit jungen Nachwuchsausstellungsmachern hat sich der Pariser Filmkurator Jonathan Pouthier am Ende seines Berlinaufenthalts an einen Klassiker der soziologischen Literatur erinnert. Den Anstoß zu seiner Ausstellung im BKV gab Howard S. Beckers "Außenseiter", in dem nicht nur abweichendes Verhalten als schrittweise Entfremdung zwischen Mehrheit und Abweichler beschrieben wird, sondern nach dem "Regelsetzer" gefragt wird. "Regeln sind Produkte einer Initiative, die jemand ergreift", sagt Becker, "und wir können uns Menschen, die eine solche Initiative ergreifen, als moralische Unternehmer vorstellen." Vom reformerischen Kreuzzügler bis zur regeldurchsetzenden Organisation reicht Beckers Analyse des moralischen Mehrheitsbeschaffers. Abweichung entsteht demnach nie automatisch, und darum geht es Pouthier. Im regelbewussten und regeldurchsetzenden Medium Film sucht er nach den Entscheidungen, die nicht nur Menschen, sondern auch Kunstwerke zu Außenseitern machen. Seine Ausstellung soll uns animieren, unser eigenes "moralisches Unternehmertum" in Frage zu stellen.

Wenn Abweichung aus dem Hin und Her der Interaktion zwischn Mehr- und Minderheit, noch mehr aber aus dem Bedürfnis nach der klärenden Regelsetzung entsteht, dann ist Kunst ein Votum, der vorschnellen Etkettierung zu mißtrauen. Wir könnten uns auch fragen, warum wir solche Angst vor der eigenen Abweichung haben? Ist die Strafandrohung so furchteinflößend?

"Indem es die Kontrollmechanismen freilegt, durch die man zum Außenseiter wird, versucht dieses Ausstellungsprojekt unsere Aufmerksamkeit zu schärfen: Einerseits für die Komplizenschaft, mit der wir bestimmte moralische Regeln reproduzieren, andererseits für die Möglichkeiten, die sich uns eröffnen,wenn wir diese Regeln neu erfinden und die Freiheit gewinnen, ein verändertes Verhältnis zu abweichenden Kulturen zu entwickeln", schreibt Pouthier.

Der Pavillon auf der Freundschaftsinsel, abgedunkelt und abgeschottet, wird für diese Ausstellung zum Kinosaal. Er wird aber auch zu einer geschlossenen Box, in der uns das Fremde begegnet. Die Außenseiter stehen vor uns und wir bemerken, dass Kunst seit Jahrhunderten von ihrem Mut zur Abweichung und ihrer Sympathie mit den Außenseitern lebt. Die Abweichung kann nicht entweichen aus Pouthiers verhängter Kammer. Wir können uns ihr aber nähern und mit Hilfe des duchaus unterhaltsamen Medium Film unsere Regeln justieren.